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Respekt vor dem wertvollen Naturraum der Berge

Das erste Global Mountain Sustainability Forum, organisiert von Eurac Research, der United Nations University und dem Tourismusverein Sexten unterstrich die Wichtigkeit der Narrative für die nachhaltige Entwicklung der Berggebiete mit einem besonderen Fokus auf den Tourismus.

Bergregionen sind besonders sensible ökologische Räume. Wie können Menschen auch in Zukunft dort leben und wirtschaften, ohne dabei den nachhaltigen Umgang mit den begrenzten natürlichen Ressourcen aus den Augen zu verlieren? Welche Rolle spielt der Tourismus in der Nachhaltigkeitsdiskussion und wie kann nach der Pandemie eine bessere und grünere Wirtschaft gestaltet werden? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des ersten Global Mountain Sustainability Forums, einer wissenschaftlichen Online-Konferenz zu der sich Forscherinnen und Forscher aus Bergregionen weltweit über ein koordiniertes Vorgehen zwischen Theorie und Praxis austauschten.

Die erste Ausgabe des Global Mountain Sustainability Forums fand zu einem besonders kritischen und einzigartigen Zeitpunkt in der Geschichte unseres Planeten statt. „Während wir mit der COVID-19-Pandemie ringen und uns mit Bedrohungen wie Klimawandel und Ungleichheit konfrontiert sehen, werden Bewohnerinnen und Bewohner der Berggebiete und Ökosysteme eine entscheidende Rolle bei der Förderung einer nachhaltigen und gerechten Welt spielen“, ist Julia Klein, Professorin für Ökosystemforschung und Nachhaltigkeit an der Colorado State University überzeugt. Berge sind Wassertürme. Sie liefern etwa 60 bis 80 Prozent des Süßwassers unserer Erde und tragen entscheidend zur Verbesserung der Wasser- und Luftqualität bei. Sie sind Lebensraum für ein Drittel aller bekannten Arten unseres Planeten. Etwa 50 Prozent der Biodiversitäts-Hotspots der Welt finden sich in Bergregionen. Ihre Bergwälder verringern die Auswirkungen von Naturgefahren auf die Lebensbedingungen der Menschen in den Tälern und entlang der Flüsse und sie stellen bedeutende Kohlenstoffsenken dar, deren Speicherkapazität in Zukunft noch zunehmen wird.

„Leider sind Berggebiete besonders empfindliche Regionen in Bezug auf die globale Erwärmung und die weltweit zunehmende Klimavariabilität“, unterstreicht Xiaomeng Shen, Vize-Rektorin der United Nations University (UNU) in Europa. Dies wirke sich besonders schnell und direkt auf die Häufigkeit und Intensität von Naturgefahren aus. Die Verwundbarkeit der Berggebiete müsse weltweit anerkannt werden. Zusammen mit dem Bevölkerungswachstum und einer nicht nachhaltigen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen entstehe ein gefährlicher Druck auf Bergökosysteme und die dort lebenden Gemeinschaften. Das Zusammenspiel lokaler Aktionen und globaler Initiativen sei für einen nachhaltigen Weg in die Zukunft daher notwendiger denn je. „Alpines Tourismusmanagement kann gerade in der jetzigen Situation ein Gamechanger sein, indem es ein gutes Narrativ-Management betreibt. Das ist so wichtig wie Risikomanagement“, betonte Jakob Rhyner, Professor für Globalen Wandel und Systemische Risiken an der Landwirtschaftlichen Fakultät der Universität Bonn.

„Wir müssen darüber nachdenken, welche Entwicklung wir für unsere Lebensräume wollen und vor allem, was die lokale Bevölkerung will. Der Tourismus wird sich automatisch um diese Lebensräume herum entwickeln“, unterstrich Dirk Glaesser, Direktor der Abteilung für nachhaltige Entwicklung des Tourismus der Welttourismusorganisation (UNWTO) die Notwendigkeit eines verantwortungsvollen Neustarts des Tourismus. „Wenn wir über den Tourismus in 20 Jahren sprechen, wird es auch um veränderte Arbeitsmodelle gehen, um neue Formen, wie wir unsere Freizeit verbringen. In diesem Sinne dürfen wir die Covid-Krise nicht als simple Unterbrechung, sondern als eine strukturelle Veränderung sehen. Wir müssen den Tourismus nutzen, um nachhaltige Entwicklung in Bergregionen voranzubringen.“

In Ländern des Globalen Südens, etwa in Afrika, seien es vor allem die Frauen und die junge Bevölkerung die Botschafterinnen und Botschafter der Nachhaltigkeit sind, sich neue Technologien und innovative Kenntnisse aneignen, wie Musonda Mumba, Leiterin der Abteilung für terrestrische Ökosysteme der Vereinten Nationen ausführte. Branding spiele eine besondere Rolle, um außerhalb der Bergregionen ein Bewusstsein für diese Lebensräume zu schaffen. Dies geschehe in Afrika wie auch in Südtirol vor allem über lokale Produkte. Einen besonderen Fokus auf sozioökonomische Nachhaltigkeit in Südtirol boten außerdem fünf Vorträge des Institutes für Wirtschaftsforschung, WIFO. Hierbei gingen die Forscherinnen und Forscher auf gelungene Beispiele betrieblicher Innovation, auf den unterschiedlichen Umgang mit Digitalisierung und auf den Fachkräftemangel in Südtirol ein.

Den Schlussvortrag des Global Mountain Sustainability Forums hielt der US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. „Wir brauchen eine stärkere globale Kooperation, eine globale Solidarität, wie es bereits die Wissenschaft gezeigt hat, während sie mit vereinten Kräften an geeigneten Wirkstoffen gegen das Virus geforscht hat“, sagte Stiglitz. Ein Schlüssel für globale Zusammenarbeit seien allen voran multilaterale Institutionen. Die Pandemie habe die Schwächen unserer Gesellschaft und unserer Wirtschaft radikal offengelegt, etwa die Kurzsichtigkeit der Märkte und Lieferketten, die sich alles andere als resilient herausgestellt haben. Ein Neustart könne daher nur funktionieren, wenn es ein Neustart in eine grünere, nachhaltigere und gleichberechtigtere Gesellschaft sei.

Öffentliche Abendveranstaltung mit Reinhold Messner

Neben der wissenschaftlichen Konferenz bot das Global Mountain Sustainability Forum auch eine offene Abendveranstaltung für alle Interessierten. Den Eröffnungsvortrag hielt Reinhold Messner. Die Grenze zwischen Kultur- und Naturlandschaft verschwimme zusehends, erklärte der Extrembergsteiger und Museumsgestalter. Dies habe vor allem mit dem Bau von Infrastrukturen in den Hochregionen zu tun. Diese Erschließung müsse aufhören, denn sie nehme dem Berg seine Erhabenheit. Gleichzeitig unterstrich Messner, dass schon bestehende Strukturen sehr wohl genutzt werden sollten und veraltete Bauten im Sinne eines Upcyclings aufgewertet werden könnten. Auch die Bäuerinnen und Bauern seien auf die Erschließung ihrer Almen durch einfache Wege angewiesen, um diese Kulturlandschaft weiterhin zu erhalten.
Im Anschluss an den Vortrag diskutierten Marcella Morandini, Direktorin der Stiftung Dolomites UNESCO, Susanna Sieff, Direktorin für Nachhaltigkeit, Cortina 2021, IDM-Marketing-Direktor Wolfgang Töchterle und die Innichner Gastwirtin Simone Wasserer mit Harald Pechlaner, dem Leiter des Center for Advanced Studies über die Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung in Berggebieten, insbesondere was Governance, Mobilität und Großveranstaltungen anbelangt. Der gemeinsame Tenor: Nachhaltigkeit sei kein Ziel, das sich auf nur eine Ebene konzentriert, die man erreicht und dann zufrieden sein kann. Vielmehr handele es sich um eine Verflechtung von Zielen. Um sie zu verwirklichen, brauche es ein Narrativ, das von allen Entscheidungsträgern, von Gästen und Bevölkerung mitgetragen werde. Nur, wer die Geschichte und die Mythen der Berge kennt, könne ihnen auf nachhaltige Art und Weise begegnen und Respekt vor dieser Naturlandschaft entwickeln.

Das Global Mountain Sustainability Forum wurde vom Center for Advanced Studies von Eurac Research, dem Center for Global Mountain Safeguard Research GLOMOS, der United Nations University (UNU) und dem Tourismusverein Sexten organisiert.

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